Melliodora: auf David Holmgrens Farm

David Holmgren ist mit Bill Mollison der Begründer der Permakultur-Konzepte, beide haben diese in den 70er Jahren an der Universität in Hobart (Tasmanien) entwickelt. Seit 1986 hat David in Hepburn in Victoria seine Farm Melliodora als lebendiges Beispiel für die Permakultur-Philosophie realisiert. Ich hatte das grosse Glück kurzfristig als Helfer für drei Wochen hier reinzurutschen und vieles direkt von David zu lernen.

David lebt mit seiner Frau Su und in den früheren Jahren auch mit den bis zu drei Kindern auf Melliodora in Hepburn, einem Heilkurort in den Hügeln eine Stunde nordwestlich von Melbourne. Die Farm ist mit rund einer Hektar gross genug, um eine Familie fast komplett selbst zu versorgen und die Überschüsse in einem Nachbarschafts-Netzwerk zu tauschen. Mit seiner Tätigkeit als Autor, Verleger und Referent erwirtschaften sie alles weitere, was zum Leben gebraucht wird und damit sind sie auf diesem Grundstück so ziemlich autonom. Das bedeutet auch, dass der ökologische Fussabdruck nicht viel grösser als genau diese Fläche ist, da das meiste was die Familie zum Leben braucht auf eben diesem Land seit über 30 Jahren nachwachsend produziert wird. Und genau dies ist die Bedeutung von Permakultur: sein Leben so zu gestalten, dass die persönlichen Bedürfnisse in der umgebenden Natur in nachhaltiger Weise (permanent) erwirtschaftet werden kann (agriculture).
Im Vergleich: der durchschnittliche ökologische Fussabdruck (die Fläche die wir für die Bereitstellung all unseres Konsums benötigen) beträgt in Deutschland ca 4,6 Hektaren pro Person, während uns die Natur nur 2 Hektaren bereitstellt (Biokapazität: die für die Bewirtschaftung pro Kopf zur Verfügung stehende Fläche). In der Schweiz ist die Übernutzung noch stärker, der ökologische Fussabdruck beträgt 5,0 ha bei einer Biokapazität von 1,2 ha (Quelle: Wikipedia). Konkrete Beispiele aus der Permakultur-Szene zeigen, dass man mit 400-1000 Quadratmeter pro Person komplett selbstversorgend leben kann. Hier auf Melliodora steht eine Hektare (BTW: entspricht 10.000 Quadratmeter) für 5-8 Personen zur Verfügung, also rund 1200-2000 Quadratmeter pro Person.
Hier meine Erlebnisse und Arbeitserfahrungen dieser drei Wochen, ich war zusammen mit zwei anderen Wwoofern hier, Coleen und Yiannis, die nun für ein Jahr auf Weltreise gehen und dann in Griechenland ein kleines Retreatcenter mit Permakultur aussenrum realisieren möchten. Wir hatten eine grossartige Zeit zusammen, hier das Abschlussfoto mit von links: Yiannis, David und seine 92jährigen Mutter, Coleen und ich
Ganz spannend war für mich die Honigernte, wir haben pro Kasten mit acht Rahmen rund 30-40 kg Honig geerntet, das war die Arbeit der Bienen von rund acht Monaten. Es war für mich das erste Mal so direkt mit den Bienen, den Rahmen, den Wachswaben und dem Honig in Kontakt zu sein und alle Arbeitsschritte mitzumachen (ausser die Arbeit direkt am Bienenstock, das war Su überlassen, die sich mit den Bienen gut auskennt).
Das nächste wichtige und komplett neue Thema war die Gewinnung von Samen, um im nächsten Jahr wieder frisch säen zu können. Mir wird hier sehr bewusst wie wichtig es ist, zu wissen woher die Samen kommen, aus denen man in der kommenden Saison pflanzen und ernten möchte. Der beste Weg ist, selber Samen zu gewinnen. Dazu wird einfach ein Teil der Früchte bzw. Gemüse nicht geerntet und man wartet ab, bis die Pflanzen ausgeblüht sind. Dann pflückt man diese und hängt sie zum trocknen für ein paar Wochen unter Dach. Getrocknet schlägt und reibt man sie in einem Tuch, um die Samen aus der Hülse zu pressen. Dann kommt die mühsame Arbeit, all die feinen kleinen Samen aus dem Hülsenhaufen zu trennen, für mich war es eine sehr meditative Arbeit. Und man kann währenddessen gut mit anderen über die Gott und die Welt quatschen, ich kann mir so richtig gut vorstellen, wie diese Arbeit früher auf der Ofenbank in der Küche gemacht wurde.
Jedoch eignen sich nicht alle Pflanzen zur Samengewinnung, da manche Pflanzensamen über die Generationen degenerativ schlechter werden. Mais ist da ein typisches Beispiel, die Pflanzen wachsen mit jeder Generation der Aussaat und Saatgewinnung schlechter. Es ist nicht ganz einfach, gute Maissaat zu gewinnen, hierzu sollte man nach kleinen, professionellen Saatgutanbietern Ausschau halten. Neben dem Aufbau eines eigenen Samenbestands empfiehlt es sich, ein Netzwerk zu befreundeten Gärtnern und Farmern aufzubauen, die in einer ähnlichen Weise denken und Saatgut gewinnen. Und für den Anfang empfiehlt es sich, gute Samen aus alter Tradition zu besorgen, damit uns die Vielfalt in den kommenden Generationen erhalten bleibt. Dazu empfehle ich ein Blick zu den SeedSavers.
Das nächste spannende Thema war die Verarbeitung der geernteten Früchte. In der Permakultur gibt es das geflügelte Wort, dass in einem gut gestalteten Sytstem die Ernte und die Verarbeitung die meiste Arbeit sein wird. Zudem war ich im australischen Spätsommer hier, was in Europa dem August entsprechen würde. Naturgemäss gab es da viel zum Ernten und zu Verarbeiten:
Und es gab auch im Haus zu tun, so wurde aus der täglich gemolkenen Ziegenmilch ein Frischkäse hergestellt (manchmal auch Jogurth) und es wurde alle 3-4 Tage frisches Brot gebacken. Aus einem schönen Sauerteig, der richtig gut duftete und intensiv arbeitete. Es hat richtig Freude gemacht wieder mal Brot zu backen.
Dann hab ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Salbe selber gemacht. Der Auslöser war, dass es hier ziemlich viel Beinwell (Comfrey) als Unkraut gab und ich zeitgleich über ein Rezept für eine Comfreysalbe gestolpert bin. Es ist ganz einfach und die Zutaten gabs alle hier (Beinwellwurzeln, Olivenöl und Bienenwachs). Und es ist richtig gut gelungen und ich werde sicher noch mehr in dieser Richtung lernen (Rezept gibts auf Anfrage persönlich):
Zu einem Permakultur-System gehören natürlich auch die verschiedenen Tiere, die ganz unterschiedliche Funktionen erfüllen. Zum Beispiel die Hühner, die gern proteinreiche Nahrung haben (um Eier legen zu können), sie sind vorzügliche Wächter üner die Käfer- und Würmerpopulation in der Erde. Sie brauchen sauberes Wasser und ein geschützten Raum, dafür legen sie die Eier, die wir Menschen gerne mögen. Die Gänse halten das Unkraut in der Wiese in Schach, benötigen aber ein See/Teich um sich sicher zu fühlen. Die Ziegen essen bevorzugt Blätter und junge Rinde, aber auch stacheliges wie Disteln und Brombeerblätter. Halten so letzteres in überschaubaren Ausmass und liefern uns Ziegenmilch für leckeren Käse, Jogurth und Milch. Sie benötigen entsprechende Weide und junges Grün, junge Obstbäume müssen jedoch geschützt werden. Alle drei Tiere liefern guten Dung und bringen damit wichtige Nährstoffe und Mineralien zurück in die Erde. Genauso ist es mit dem menschlichen Dung, der über Komposttoilette aufgefangen und entsprechend bearbeitet als guten Dünger für die Bäume zum Einsatz kommt. Damit wird der Mensch Teil der geschlossenen Kreisläufe im System, wo die, durch die Nahrung aufgenommenen, überschüssigen Nährstoffe wieder in die Erde zurückgegeben werden. Ergänzt wird die Nährstoffversorgung des Bodens noch mit Gründünger und Kompost, damit ergibt sich ein ziemlich rundes System.
Einen Blick über den Tellerrand erlangte ich, als wir für einen Tag Rod’s Farm besuchten, der diese in dritter Generation ganz in der Nähe bewirtschaftet. Es war spannend in der Führung die grösseren Dimensionen und die Zusammenhänge aus der Sicht eines erfahrenen, professionellen Landwirts zu erfahren. Nun ist auch schon etwas älter und tritt mittlerweile kürzer. So bewirtschaftet er nur noch rund zwei Hektaren gegenüber früher acht und mehr Hektaren. Neben Obstbäumen pflanzt er hauptsächlich Marktgemüse und verkauft dieses zusammen mit Su als Gemüseboxen direkt an Endkunden (rund 100 Boxen per Woche). Und es ist wirtschaftlich nicht mal so viel schlechter als früher, wo über den Grosshandel und die Supermärkte verkaufte. Auf den Bildern kann man gut das vulkanischen Gebiet mit der schön roten (nährstoffreicher) Erde sehen. Es war ein kurzweiliger und lehrreicher Tag, ich habe einen guten ersten Eindruck über den Anbau in einem etwas grösseren Stil erlangt (es ist immer noch eine kleine Farm…).

ddd

Zum Abschluss noch ein paar Bilder zum Gelände selbst und wie das Wohnen der Menschen in das System integriert ist, was ein wesentlicher Punkt in der Permakultur ist. Ich hab dazu aber nicht viele Bilder, in kurz ein paar Stichworte dazu: das Haus ist in passiver Solar-Bauweise gebaut, es nutzt sehr effizient die Kraft der Sonne. Die Fenster sind gegen Norden gerichtet, um möglichst viel Sonnenwärme aufzufangen, welches im Inneren durch die thermische Masse der Backsteinmauern für die Nacht gespeichert wird. Im Sommer sind die unteren Femster durch das Laub der Reben abgedeckt und verhindern, dass zuviel Wärme ins Innere gelangt. Im Winter, wenn das Laub fällt, fällt mehr Sonnenlicht ein und führt zu einem höheren Wärmeeintrag. Die Raumtemparaturen schwanken zwischen rund 15-25 Grad, unabhängig von den äusseren Temparaturen und es ist somit wohl tempariert. Gekocht und notfalls geheizt wird mit Holz. Die Wasserversorgung erfolgt (fast) komplett über aufgefangenes Regenwasser, es wäre prinzipiell möglich vom Stadtwasser abgeklemmt zu werden. Im Haupthaus ist das Haus mit der Solaranlage noch ans Netz gekoppelt, das neuere Studio ist jedoch komplett vom Netz abgehängt, läuft mit einer einer Solaranlage und Batterien übers das ganze Jahr (Ausnahme im Winter wird 2-3mal der Notstromdiesel angeworfen, der für Buschbrände sowieso da sein muss). Die Menschen hier werden überwiegend von den Erträgen des Landes hier ernährt, wenige Sachen werden von befreundeten Farmen in der Umgebung zugekauft (Korn, Olivenöl, Tahin, Salz, …). Die Outputs gehen wieder ins Gelände zurück, entweder über die Komposttoilette oder das Grauwassersystem. Das ganze hier ist wirklich ein weitgehend in sich geschlossenes System, ich mag mich nicht erinnern, dass David oder Su in den drei Wochen einkaufen waren…
Insgesamt waren dies sehr erlebnissreiche drei Wochen und es gäbe noch viel mehr zu berichten, vielleicht dazu mehr in späteren Beiträgen. Wer mehr zur Farm von David Holmgren erfahren möchte, dem empfehle ich:
Nun bin ich wieder unterwegs, gerade in Melbourne und werde weiter berichten.
Dieser Beitrag wurde unter Permakultur abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.