In der Zen-Gemeinschaft

Wie ich nach den vier Tagen Marsch durch den Schwarzwald in die Zen-Gemeinschaft sprichwörtlich hineingeschneit bin
 

Nach der Nacht draussen unter der Fichte (siehe letzter Artikel) bin ich pünktlich um 8:15 Uhr im Johanneshof erschienen und habe gleich die Auskunft erhalten, dass zurzeit eine geschlossene Veranstaltung – eine dreimonatige Praxisperiode – stattfindet und man gerade keine Arbeit zu vergeben hat. Dennoch sei ich herzlich zum Brunch eingeladen und könne mich frisch machen. Im Gespräch ergab sich die Möglichkeit, dass ich vielleicht für eine Mönchswoche bleiben könne. So wurde ich zur Hauptnonne weitergereicht, die mir den Tagesplan zeigte (etwas intensiver als unten) und wir ein sehr nettes Gespräch hatten über meinen Hintergrund und meinen bisherigen Weg. So wurde ich beim Frühstück dem Abt Baker Roshi vorgestellt und im Ergebnis konnte ich für ein paar Tage bleiben.
 
Was folgte, war und ist einfach wunderbar. Die ganze Sangha hat mich so wohlwollend aufgenommen, ich konnte einfach da sein und mich nach den Gegebenheiten in den Ablauf integrieren. Mit Meditation und Arbeit sowie der Teilnahme an den Vorträgen kam ich in den Fluss dieser Praxisperiode hinein. Für das dann folgende Sesshin (eine besonders intensive Praxiswoche) müsste ich – so hiess es – dann aber wieder gehen, da dazu das Haus komplett ausgebucht war. Soweit kam es dann nicht, kurz davor wurde mir mitgeteilt, dass ich weiter bleiben kann und während dem Sesshin hauptsächlich im neuen Haus im werdenden Seminarraum arbeite. So blieb ich dann bis zum Ende der Praxisperiode Mitte Dezember und es ist genau der richtige Ort zur richtigen Zeit für mich. So intensiv konnte ich bisher nie meine Meditationspraxis mit der Arbeit verbinden, es macht mich unbeschreiblich glücklich hier zu sein. Ich bin der ganzen Dharma-Sangha aus tiefstem Herzen dankbar, dass ich hier sein kann. Es waren sehr glückliche Umstände, die mich hierher geführt haben. Und weil es so war und ist, habe ich angefragt, ob ich auch auf längere Zeit hier bleiben kann. Diesem Anliegen wurde stattgegeben und so bin ich zumindest die nächsten Wochen noch hier:
Die Dharma-Sangha ist eine Soto-Zen-Gemeinschaft in der Lehrlinie des im Westen sehr bekannten Zen-Meisters Shunryu Suzuki Roshi. Hier im Johanneshof leben ständig 4-5 Leute in halbklösterlicher Weise (d.h. es ist nicht ganz so streng wie in den Zen-Klöstern in Japan, das Leben hier richtet sich jedoch stark nach den dortigen Klosterregeln). In diesem klösterlichen Umfeld lebe ich nun und bringe mich in allen Bereichen ein, soweit es für mich als „Novize“ möglich ist. Der übliche Tagesablauf ist wie folgt:
4:30 Weckglocke
5:00 Meditation (Zazen)
6:30 Sutrarezitation
7:10 Studium
8:00 Hausreinigung
8:30 Frühstück (Oryoki)
9:45 Arbeit
12:30 Mittagessen
14:00 Arbeit, Studium, Seminar oder frei
16:30 Arbeitsende und frei, freies Abendessen
19:55 Meditation (Zazen)
21:00 Ende
Das paradoxe an dieser klösterlichen Situation ist für mich, dass der fixe Zeitplan und die Strukturen mich unglaublich befreien. Ich muss mich um nichts kümmern, es geschieht alles wie in einem Uhrwerk und ich kann mich ganz auf die Praxis konzentrieren.
Und die Praxis kann man in kurz so beschreiben:
Einfach Gegenwärtig Sein.
Diese Praxis beginnt jeden Moment neu.
 
Soweit der aktuelle Bericht, mir geht es ausgesprochen gut hier und ich finde zu meinem inneren Frieden. Falls ihr nicht weiter von mir hört, bin ich ganz in der Praxis versunken und es ist ein gutes Zeichen.
 
Und noch etwas zur Dankbarkeit, die im Bericht immer wieder durchscheint: ich erlebe diese Dankbarkeit als wesentlichen Faktor zu meiner inneren Freiheit und zum inneren Frieden. Es macht mich frei von „etwas haben wollen“ oder „etwas nicht haben wollen“. Dankbar sein für das was ist. Das macht mich wirklich frei.
 
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3 Kommentare zu In der Zen-Gemeinschaft

  1. Bernd Günzel sagt:

    Amen

  2. Heike Brettschneider sagt:

    Interessant, lieber Thomas,…wohin dein Weg dich da geführt hat! Ich lese gerne deinen Bericht und verfolge ihn mit grossem Interesse weiter :-)! Bin gespannt, wie das dein Leben beinflusst. Ich finde es beneidenswert frei zu sein, von den Dingen dieser Welt. Vielen Dank, für den Einblick in dein Leben mit/in dieser Zen-Gemeinschaft. Interessanter Blog. Alles Liebe Heike

  3. Detlef Winterstein sagt:

    Lieber Thomas,

    spannende Episoden deine Reise durch den Schwarzwald. Bist du immer noch da? Wäre schön, wieder was von dir zu lesen. Bei all dem täglichen Bürokratie-Wahnsinn beneide ich dich immer wieder um deinen Rucksck, in dem alles drin ist, worum du dich kümmern musst.

    viele liebe Grüße
    Detlef

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