Vier Tage durch den Schwarzwald

Der Weg durch die verschneiten Hügel und Wälder des Schwarzwalds mit vielen Herausforderungen und Einsichten. Ein wesentlicher Abschnitt meiner Wanderung, das kann ich jetzt schon sagen.
 

Die nächste Station im Schwarzwald war bei einer sehr netten Frau in Schönwald, bei der ich für zwei Wochen in Garten und Haus mithalf. Irgendwann in dieser Zeit sagte sie beim Mittagessen ganz aus dem Nichts heraus: „Es gibt in Herrischried eine buddhistische Gemeinschaft, die gerade ein Haus zugekauft hat und dieses am renovieren ist. Die brauchen bestimmt Hilfe, vielleicht ist das was für Dich.“
Das fand ich interessant, und doch habe ich dies dann für zwei Tage einfach so stehen lassen und nicht weiter daran gedacht. Am Tag der Weiterreise lauschte ich wie üblich nach Innen und vernahm klar den Impuls nach Herrischried zu gehen. Und es war ebenso sofort klar, dass ich nicht vorher anrufen werde oder eine E-Mail sende, sondern den ganzen Weg zu Fuss gehe und persönlich vorstellig werde. Damit machte ich mich auf in Richtung Süden, quer durch den verschneiten Schwarzwald, es wurde ein Vier-Tages-Marsch unter schwierigen Bedingungen.
Der erste Tag ging an Furtwangen vorbei den Berg hoch, dabei habe ich den falschen Weg erwischt und mir einen guten Umweg eingehandelt. Damit schaffte ich es an diesem Tag nicht mehr nach Neustadt und kam schnell in die Dunkelheit hinein, die Tage sind Ende November schon deutlich kürzer. Nach gut anderthalb Stunden in der Dunkelheit kam ich zur „Kalten Herberge“ ein Gasthof auf einem zugigen Bergsattel. Leider war dieser wegen Umbau zu, der nächst grössere Ort noch 10 km entfernt durch Wälder und über Hügel, dazu im Dunkeln, bei deutlichen Minusgraden und pfeiffendem Wind, nicht gerade verlockend. Zum Glück war noch der Wirt da und als ich nach einem Platz in der Scheune fragte, konnte er mir immerhin die Garage anbieten, sodass ich nicht ganz draussen schlafen musste. Gesagt, getan, er zeigte mir die Garage und gab mir noch eine Holzplanke, damit ich nicht direkt auf dem Betonboden schlief. Damit war er dann auch weg und ich war allein dort oben auf dem zugigen Bergsattel in der Garage. Darin richtete ich es mir nun so gemütlich ein wie es ging, alle Kleider als Unterlage ausgepackt, mich in der Garage warmgelaufen (es war nicht wärmer als draussen, zum Glück ohne beissender Wind) und dann habe ich mich in alles eingemummelt, was ich dabei hatte. So versuchte ich zu schlafen, was naturgemäss nicht ging, weil mein Körper die ganze Zeit vor Kälte schlotterte und vibrierte. Nach gefühlten Stunden wurde ich dann doch müde und während dem wegdämmern kommt so der Gedanke hoch „das ist jetzt wohl das letzte Einschlafen, ich werde jetzt erfrieren und nie mehr aufstehen…“. Prompt kam die ganz tiefe Stimme aus dem Off: „Mach mal halblang und hör auf mit dem Quatsch“. Wieder etwas wacher fühlte ich nach innen, die Körperkerntemparatur war noch völlig okay, die Hände und die Nasenspitze dafür etwas kühl, aber ansonsten alles in Ordnung. Damit konnte ich dann beruhigt einschlafen.
Am nächsten Morgen stand ich mit etwas steifen Gliedern auf, habe alles zusammengepackt und bin weiter in Richtung Titisee marschiert. Eine gute Stunde weiter fand ich das Gasthaus Engel in Hochberg und konnte bei den sehr freundlichen Gastleuten ein herzhaftes Frühstück geniessen, ein ganz herzliches Dankeschön für den freundlichen und wärmenden Aufenthalt.
Gut gestärkt machte ich mich auf den Weg weiter bergab, dank einer netten Fügung haben mich zwei junge Leute mit dem Auto den Rest nach Titisee mitgenommen. Die Touristenmeile im Schwarzwald hinter mir lassend lief ich weiter dem See entlang in Richtung Feldberg. Als Tagesziel habe ich mir vorgenommen, die Jugendherberge in Metzenschwand zu erreichen und orientiert hatte ich mich dazu über Google Maps. Das wurde mir dann auch deutlich zum Verhängnis, irgendwann gegen halb acht Uhr abends stand ich weit oben am Berg, weit um mich herum nur Schneefelder, im Nebel war der Waldrand gerade noch zu sehen, aber weit und breit kein erkennbarer Weg mehr. Nun was tun? Ich setzte mich mal zuerst auf einen Stein und überlegte, was nun geschickt wäre. Laut Google sind es noch rund 5 km bis zur Jugendherberge, also theoretisch bei Tageslicht, im Sommer und gutem Wetter sicher in 1-2 Stunden machbar. Soviel dazu, die Bedingungen waren anders. Nach gut elf Stunden unterwegs doch etwas erschöpft, der Akku fast alle und damit dann ohne Navigationshilfe, bei fast kompletter Dunkelheit und definitiv kein Weg im Schnee mehr zu erkennen. Also zurück ins Tal, beim ersten Haus habe ich mal ans Fenster geklopft und die Bestätigung erhalten, dass es chancenlos ist, hier noch weiter zu kommen. Damit stieg ich die gute Stunde wieder ins Tal hinunter und fand in Altglashütten einen Gasthof, in welchem ich dann übernachtete (das hätte ich auch kürzer haben können).
Am nächsten Tag ging es wieder etwas erholter weiter in Richtung Metzenschwand, diesmal auf gut beschilderten Wanderwegen. Es hilft doch arg, die ortskundigen Leute nach dem Weg zu fragen. Am Nachmittag dort angekommen, entschied ich mich, früher Pause zu machen, weil Sonntag war und ausserdem Metzenschwand eine sehr schöne Jugendherberge hat. Dies hat sich auch gelohnt, denn wie sich herausstellte gab es im Ort ein Thermalbad und das war genau das richtige für meine erschöpften Körper. Es war einfach herrlich, mich im Wasser tragen zu lassen, ganz im Gefühl: „ich muss nichts tun ausser zu atmen und ich werde getragen“. Da wurde mir klar – und das mag sich verrückt anhören – genauso ist die Erfahrung, die ich auf dem Weg mache: ich lasse los, vertraue und das Leben trägt mich.
Am nächsten Tag ging es auf die letzte Etappe nach Herrischried, ausgestattet mit einer guten Wegbeschreibung machte ich mich auf den Weg. Es war ein schöner Marsch, jedoch deutlich länger und hügeliger als mir lieb war und so kam ich wieder in die Dunkelheit hinein. Es wurde ein zwölf-Stunden-Marsch in welchem ich mich über die Hügelzüge kämpfte, es war ein Marsch jenseits meiner bisher bekannten Belastungsgrenzen und es ging immer weiter. Die innere Stimme sagte immerzu „geh dahin, es gibt da was für Dich zu finden“. Mit dieser inneren Ausrichtung trug es mich weiter, es war die Einheit von Körper und Geist die ich in dieser Dimensio da das erste Mal so erfahren durfte.
Entsprechend erschöpft kam ich gegen acht oder halb-neun abends im Johanneshof in Herrischried an und klopfte am Küchenfenster der Zen-Gemeinschaft an und fragte, ob es hier die Möglichkeit gäbe mitzuarbeiten. Erstaunte Gesichter haben mich angeschaut, wie ich mit Rucksack, Wanderstock und Hut in der Tür stand. Dann habe ich die freundliche Info erhalten, dass der zuständige Arbeitskoordinator heute abend nicht mehr da sei, ich aber morgen um 8:15 gerne nochmal vorbeikommen könne. Also machte ich mich wieder auf und suchte mir draussen ein weiteres Nachtlager. Diesmal am Dorfrand unter einer Baumgruppe am Rand einer verschneiten Wiese. Zum Glück war es gerade um die null Grad und nicht so kalt wie letztens, so hatte ich ein weiches und relativ warmes Nachtlager im Reisigbett unter der Fichte und schlief gut ein.
 
Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel ist rückblickend im Januer geschrieben, basierend jedoch auf den Tagebucheinträgen und den noch sehr lebendigen Erinnerungen.
 
 
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